Über jedes wichtigere Objekt, das ich erwerbe, wird zunächst ein Foto mit der Person, die es mir gebracht hat, und dem Objekt gemacht. Bei bedeutenderen Stücken oder bei Stücken, von denen mir eine interessante Geschichte oder Provenienz erzählt wird, mache ich Filmaufnahmen oft in Bambara und Lobiri, da viele Lieferanten kein Französisch sprechen. Diese Dokumente lasse ich später noch einmal übersetzen, da die Sprachbarriere - nicht nur meine eigene - ein immenses Problem ist. Es gibt - z.T. sehr einflußreiche - Lieferanten ("runner" genannt) die es ablehnen, Fotos von Ihnen und den Objekten zu machen. Diese Personen scheiden von vornherein aus, um mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Die Gefahr in fragwürdige Geschäfte mit möglicherweise gestohlenen Skulpturen verwickelt zu werden ist mir zu groß. Wer mir ein wichtiges, altes Objekt anbietet, wird ohnehin von mir eindringlich darauf hingewiesen, was es für ihn bedeuten würde, wenn dieses Objekt gestohlen wäre. Das Foto mit ihm und dem Objekt würde ihn sofort in Schwierigkeiten bringen. Aber in der Regel kaufe ich ohnehin nur von Personen, die mir seit Jahren bekannt sind und die genau wissen, daß sie Kopf und Kragen riskieren würden, wenn da ein deliktischer Erwerb zu Grunde läge.

Der "Runner" Gabassa mit zwei Lobi Figuren (links eine Skulptur von Bimtioté Da)
Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie auf Folgendes hinaus: Sib Koukouré kann nicht kopieren, also können es auch die anderen Schnitzer nicht, also können Ihre Erwerbungen auch keine Kopien sein.
Ich rede von Sib Koukouré, einem Schnitzer aus Latera, der vor meinen Augen die "Kopie" eines Lobikopfes hergestellt hat. Was dabei rauskam, war eine Skulptur, die auch nicht in Ansätzen dem nahe kommt, was wir gemeinhin unter einer Kopie verstehen. Das Werk, das er schuf, liegt so sehr in der Tradition seines eigenen Schnitzstils, daß sofort erkennbar ist, daß es sich um ein Werk von ihm, zumindest aber um eines aus dem Schnitzerdorf Latera handelt. Diese Beobachtungen habe ich ausschließlich in Latera gemacht. Was an anderen Orten im Lobiland geschieht, kann ich nicht sagen. Ich vermute allerdings, daß das Wahrnehmungsspektrum und die entsprechende Umsetzung in die Dreidimensionalität einer Skulptur an anderen Plätzen mit ähnlichen sozialen Gegebenheiten und handwerklicher Tradition nicht viel anders verläuft. Auch Labouret hat in den dreißiger Jahren ja ähnliches beobachtet, indem er die Kopie von Baule-Masken in Auftrag gab.
Da ich aus mehreren Quellen weiß, dass die besten Schnitzer heute nur noch für Händler arbeiten, scheint der Neescher lernfähig zu sein.
Das war er schon vor 500 Jahren. Siehe die portugiesische Elfenbeinschnitzerei, die die traditionellen handwerklichen Fähigkeiten mit einer neuen Auftragslage verband, sodaß plötzlich skurrile Salzstreuer und Zuckerdosen auf den Tafeln der europäischen Fürstenhäuser erschienen. Mit Ausnahme der Schnitzer von Latera und dem Workshop um Dihunte Palenfo kenne ich so gut wie keine lebenden Schnitzer und habe auch keine Informationen wo und wie sie arbeiten. Ich weiß also diesbezüglich wahrscheinlich weniger als Sie. All meine Bemühungen beispielsweise die Nachfolger von Some Binlaré kennen zu lernen sind bisher mit der Ausnahme von Lupité Palé gescheitert, obwohl ich in den letzten Jahren weit über sechzig Werke aus dem Umkreis dieses Schnitzers gesammelt habe.
Lupité Palé, Gongonbili, diviner and carver in the tradition of Some Binlaré, his father.
Ob es in diesem Fall angebracht ist von "Kopien" der Werke Some Binlare´s zu sprechen, halte ich für fragwürdig. Lupité Palé war der Sohn Binlarés und hat die Tradition seines Vaters - was ja nicht immer der Fall ist - dem Schnitzstil nach fortgesetzt. Beobachten konnte ich, daß sich bestimmte Schnitzstile bis in die Gegenwart fortgesetzt haben und andere wieder nicht. Als Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang Bimtioté Da nennen, um den sich zu Lebzeiten sicher auch ein workshop gebildet hatte, der aber offensichtlich nicht mehr existiert, da seit Jahren keine Arbeiten ähnlicher Art auftauchten. Werke dieses Schnitzers gehören heute zu den Spitzenwerken der Lobikunst, bereits in den Achtzigern wurde eines bei Christies versteigert. Eines der schönsten Exemplare ist bei Massa/Lauret, 2001 im "Sculptures des Trois Volta" S. 116 abgebildet. Vor zwei Jahren konnten wir dann ja - wie Sie wissen - den Namen des Schnitzers herausfinden und ich lernte seinen Sohn kennen, der als Fetischeur und Schnitzer arbeitet, wenn auch in einem ganz anderen Schnitzstil. Bimtioté Da Kopien würde es vielleicht geben, wenn jemand seinen Stil nachahmen könnte. Die Preise, die solche Figuren erzielen, sind hoch. Aber es ist schwer vorstellbar, daß ein Lobischnitzer dazu in der Lage wäre. In dem Augenblick, wo der workshop um den berühmten Schnitzer nicht mehr existiert, wäre es extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich hier noch "Kopien" herzustellen. Von der speziellen Art, wie dieser Schnitzer welches Holz auswählte, will ich gar nicht erst reden.
Wir - und nicht nur wir - beackern inzwischen seit zehn Jahren das Lobi-Land kreuz und quer und sind noch niemals auf Objekte gestoßen, die von der Art waren, die Sie als Repräsentanten des neuzeitlichen Kultes anbieten. Irgendwann müssten wir doch wenigstens mal ein einzelnes/einziges Objekt angetroffen haben, das die handwerkliche Qualität der von Ihnen erworbenen Gegenstände aufbietet. Jedoch Fehlanzeige!!!!!!!!!!!!
Ich glaube, dafür gibt es eine sehr einfache Erklärung: Wenn sie der Geschichte der Lobi-Feldfotos nachgehen, können Sie feststellen, daß seit den achtziger Jahren so gut wie keine Fotos von Schreine mit bedeutenden Figuren mehr auftauchen. Damit meine ich die bittere Erfahrung, daß gerade diese bedeutenden Altäre immer wieder Plünderungen zum Opfer fielen. Lupité Palé erzählte mir einmal klipp und klar wie dies vor Jahren noch ablief: "Erst kamen die Weißen und machten Fotos und dann kamen die Haussa und besorgten den Rest!" Prägnanter kann man es wohl nicht ausdrücken und genau das ist der Grund, weshalb "Fotosafaris" in Bezug auf Ritualobjekte heutzutage ein sehr eingeschränktes Spektrum zu Gesicht bekommen. Eben Objekte, die für den Handel wenig oder kaum von Interesse sind. So hart es in diesem Zusammenhang auch klingen mag: "Der Neescher" - und in diesem Fall der Lobi - "scheint in der Tat lernfähig" zu sein!"

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